DAS ROLLSIEGEL BM 89091
UND SEINE STELLUNG INNNERHALB DER KASSITISCHEN IKONOGRAPHIE
Gisela Stiehler-Alegria Delgado Frankfurt
SUMMARY
The kassite cylinder seal BM 89091 consists of a finely executed engraving of an ibex motif combined with an extraordinar?, inscription. The text is one of the few examples referring to the goddess Zarpanitum and her husband Marduk.
The author offers an interpretation of the scene, which is still enigmatic to us. The significance of the rampant ibex flanking a tree may have varied according to the accompanying figures and their attributes. With regards to structural peculiarities the red jasper cylinder is to be attached as a transitional seal between the first and second kassite group. For the dating of the cylinder on the basis of design and sple, thentost distinctive feature is the representation of the human figure. An iconographical parallel comes from a Nippur seal impression which m w serve for its chronological setting in the reign of Sagarakti-Suriai.
RESUMEN
El cilindro cassito BM 89091 tiene un grabado fino representando a1 ibex rarnpante combinado con una leyenda exceptional. El texto, a tres columnas verticales, es uno de 10s pocos que son dirigidos a la diosa Zarpanitum y a su esposo Marduk.
El sign$cado del motivo central es todavia enigmcitico, por lo cual !a aurora se permite hacer algunas especulaciones a1 respecto. ofreciendo una interpretacidn. Sobre esto, establece conexiones entre el color del material. el tema figurative y el tipo de texto. En relacidn con la posicidn iconogr6jica den tro de la glr'ptica cassita, se trata de un cilindro con un motivo en transicidn entre 10s grupos primer0 y segundo. La clasijicaci6n cronoldgica depende de otras composiciones ancilogas halladas en Nippur que fechan del tiempo de Sagarakti-Suriai.
Seit kurzem liegt mir die Abrollung des kassitischen Rollsiegels BM 98091 ( l q b ) zur Untersuchung vor'. Es handelt sich um einen groBen Zylinderstein aus dunkelrot geflecktem Jaspis von 50mm Hohe und 17mm Durchmesser. Das Siegelbild selbst wurde zum ersten Ma1 als Umzeichnung von D.M. Matthews veroffentlicht, die Inschrift blieb dabei unberiicksichtigt2. Zum aktuellen AnlaB hat mir freundlicherweise Gebhard Selz, Wien, seine vorlgufige Transkription und ijbersetzung der dreizeiligen Legende zur Verfiigung gestellt.
Der jetzt mogliche Bezug von Objekt, Text und Bild eroffnet neue Aspekte. Diverse analoge Bildkompositionen, die zum Vergleich von Ikonographie und Legende
1 Abrollung und Publikationserlaubnis verdanke ich den Dr. J. Curtis und den Trustees of the British Museum, 1998.
2 Matthews 1990, 176. Die hier vorgestellte Urnzeichnung l b wurde anhand der Abrollung von der Autorin gefertigt, ebenso die Zeichnungen der Siegelbilder Nr. 2 . 3 . 4 und 5.
Das Rollsiegel BM8SHK)l und seine Stellunc innnerhalb der kassitischen Ikonoma~hie
herangezogen werden konnen, erzwingen zudem eine Modifizierung der bisherigen Zuordnung dieses Siegelthemas.
2. BILDBESCHREIBUNG
Zwei Steinbiicke richten sich antithetisch uber der Krone eines Baumes mit geknicktem Stamm auf, die freien Zwickel sind beidseitig von einem ovalen Symbol besetzt. Zur rechten Seite steht eine nach links dern Zentralmotiv zugewandte bartlose, anthropomorphe Figur mit glattem Gewand, einen Affen (?) auf dern rechten Arm tragend.
Das obere Bildfeld wird links von einem Diagonalkreuz, mittig von einem g r o k n Vogel mit ausgebreiteten Schwingen und rechts von einem springenden Fuchs bevolkert.
2. ANALOGE SIEGELKOMPOSITIONEN
Sollen Siegelbilder verglichen werden, dann sie miissen neben dern zentralen Motiv
"antithetische Steinbocke iiber einem Vegetationssymbol" auch ein ahnliches Repertoire an Fullmotiven bieten. Das bedeutet, die Syntax begrenzt die Auswahl der in Frage kommenden Stucke, zu denen Nippur 14N 11 7 (Abb. 2 ) , Morgan 587 (Abb. 3 a+b), Byrsa 3 (Abb. 4 a+b), Privatsammlung (Abb. 5 a+b) und Nippur CBS 11657 (Abb. 6 ) gehoren3.
Nur zwei der genannten Beispiele beinhalten a u k r dern Zentralmotiv eine anthropomorphe Figur (Abb. 2 und 5). Bedeutsam fiir die Datierung des vorliegenden Kompositionsschemas ist die Abrollung auf einem Tonklumpen aus Nippur (Abb. 2), der demselben Fundkomplex entstammt wie eine Urkunde aus der Zeit des Sagarakti-Suria~4.
Leider blieb nur der untere Teil der Szene erkennbar, auf welcher zwei Capriden die Vorderlaufe auf einen Kugelbaum stutzen, wahrend die rechts daneben stehende menschliche Gestalt den rechten Arm nach oben abgewinkelt und den linken an die Taille gelegt halt. In den Zwickeln neben dern Baum sind Seitensprosse oder Bluten sichtbar.
In Verbindung mit einem einzelnen, steigenden Capriden kommt die anthropomorphe Figur auf zahlreichen Siegeln der Ersten Kassitischen Gruppe vor, wie das Beispiel Abb. 5 beleg5, das a u k r dern Vogel noch einen Affen zeigt. Die " ~ l u m e ' ~ hat Abb. 5 mit Abb. 4 gemein, einem Siegel, das neben dern Zentralmotiv das umschriebene Kreuz, zwei Rauten und den g r o k n Vogel darstellt. Statt des schwebenden Vogels bilden drei horizontal gelegte Rauten auf dern kleinen Jaspissiegel Abb. 3 ein oberes AbschluOband. Desweiteren erscheint der g r o k Vogel auf einer fragrnentarischen
Trotz abweichender Darstellung zieht Matthews die Abrollung VAT 15475 aus dern Tiglat-Pileser- Archiv, Assur, m m Vergleich heran (Matthews 1990, Abb. 174). Diese Abrollung gibt zwei Stiere wieder, die einen hochstkhmigen Baum flankieren, sowie eine menschliche Figur, die sich nach rechts abwendet und auf die 3-zeilige Inschrift blickt. Die Urkunde datiert ins 12. Jh. (vgl. A.Moortgat, Assyrische Glyptik des 12.
Jh., ZA 48, 1944, Nr. 3).
4 Vgl. Fundbeleg Nippur, Gebaude WC I, level II, locus 31: drei Sieglungen (14N81, 14N117, 14N330) und 4 Tafeln, darunter der Verwaltungstext 14N228, Sagarakti-Suria~, 4. Jahr (Gibson 1983, 181f., fig. 21 bzw. Zettler 1993.88 bzw. pl. 91 h-k).
5 Vgl. Katalog Stiehler Nm. 78.85.87 und 87a, femer 259.
Die Pflanzendarstellung tragt zwar die Kennzeichen eines Korbbliitlers (Compositae), es kann sich aber keinesfalls um die "Sonnenb~ume" handeln. d e m Helianthus annuus starnmt urspriinglich aus Mexiko. Sollte tatsachlich eine bestimmte Heilpflanze gemeint sein, dann kiimen Bergwohlverleih (Arnica montana) oder Ringelblume (Calendula officinalis) in Frage; f i r ersteres sprLhe die Gegenstihdigkeit der Blatter. Meines Erachtens war nicht die Darstellung der exakten Morphologie ausschlaggebend. sondem das Erkennungsraster "Pflanzentypus", "Vogeltypus" etc. in Verbindung mit Griik oder Alltion war von Bedeutung.
Siegelbildszene aus Nippur (Abb. 6)' begleitet von funf vertikalen Schriftzeilen; seine ungewohnliche, das Schweben charakterisierende Flugstellung verbindet ihn mit Abb. 1:
StoB und Kopf befinden sich oben, die Schwingen unten.
3. AUSWERTUNG DER VERGLEICHE a. Stilistische Ausfuhrung
Die prasentierten Beispiele sind unterschiedlicher Provenienz. Ihre von einander abweichende Ausfuhrung I a t sich besonders gut bei der Gestaltung der Steinbkke beobachten: ob Kriimmung oder Ringelung des Gehorns, Vorderlaufe, Hufe, Schrittstellung oder Ansatz der Hinterlaufe, keines der Merkmale stimmt uberein.
Abb. la+b: Die Szene BM 890091 ist schwungvoll skizziert, dabei wurde das Wesentliche linear gezeichnet, auf Einzelheiten oder Modellierung verzichtet, das Tiefenprofil eher flach ausgelegt. Der Schriftduktus wurde im selben fluchtigen Stil wie die Bildszene geschnitten, die Zeichen tragen keinen Keil, die Konturen des linken Steinbocks greifen in die erste Textzeile iiber.
Abb. 2 und 6: Die Abrollungen lassen noch etwas von der Plastizitat ihrer Darstellung erahnen, die Figuren wurden ohne Zuhilfenahme linearer Techniken graviert.
Abb. 3a+b: Der Zylinderstein weist im Bereich des Bildes Abnutzungsspuren auf.
Das Relief der Biicke wurde zwar plastisch, aber wenig anspmchsvoll dargestellt. Ein Stuck von kunstlerisch minderer Qualitat, auch die Schriftzeichen wirken eher rudimentar.
Abb. 4a+b: Die Fotografie I a t auf eine plastisch angelegte Gravur schliekn, die Ausfiihrung erscheint jedoch insgesamt grob und der Schriftduktus deformiert.
Abb. Sa+b: Auf schmaler Flache brachte der Kunstler, so kleinteilig wie moglich, funf Objekte unter. Linear betont wurden Einzelheiten wie die wulstigen Knoten des Gehoms, die Bauchbehaarung oder das Gefieder; trotz starker Abnutzung sind sie noch gut zu erkennen.
Statt gerader, scharf geschnittener Zeichen mit keilformiger Verbreiterung des Kopfes, sehen wir strichformige Zeichen (I), deformieft (4) oder mit T-formigen Kopfen (3,s). Manches spricht dafur, daO bei den vorliegenden Stucken Text- und Bildgestaltung des Siegelmantels von derselben Hand gefertigt wurde. Dies war nicht unublich, da der Beruf des Steinschneiders durchaus differenzierte Fahigkeiten in einer Person vereinigte.
Das gesellschaftliche Bedeutungsfeld des "Burgul", der sowohl in die Kunst der bildnerischen als auch der Beischriftkomposition eingewiesen war, lag nicht zuletzt in seiner Funktion als Mittler religios-sozialer wertex.
b. Ikonographische Klassifizierung
Die Siegelbilder 3 und 4 werden im allgemeinen Konsens der Zweiten Kassitischen Gruppe zugeordnet, iiber die Zugehorigkeit von 1, 2 und 5 herrschen hingegen unterschiedliche Auffassungen. Wahrend Matthews BM 89091 (1) und Bildprogramme wie Abbildung 5 als "Second Kassite Style" beschreibt" gehort eine Komposition wie Siegel 5 nach meiner Definition zur Ersten Gruppe und die des Siegels 1 stilistisch zu einer ~ r u &
7 Vgl. Matthews 1992, Nr. 179, 128; UM 29-16-362: "tablet, MB business". Das Siegel hinterliea Abdriicke der mit Dreiecken verzierten Kappe.
8 Zur Frage der handwerklichen Befahigung zur Siegelherstellung verweise ich auf den Beitrag von Mahrzahn, 1997, bes. 29-40.
9 Vgl. Matthews 1990,60-63.
Das Rollsiegel BM89091 und seine Stellung innnerhalb der kassitischen Ikonopphie
von Transitsiegeln, welche sowohl die Syntax der Ersten als auch der Zweiten Gruppe miteinander verbinden"'.
Siegel 5 gehort zur Ersten Gruppe, weil keine Handlung stattfindet. Die anthropomorphe Figur bildet das Leitmotiv, der einzelne Capride, die Pflanze, der Affe und der Vogel fungieren jedoch nur als aufgereihte Fullmotive. Siegel 1 gehort nicht zur Zweiten Gruppe, weil es der anthropomorphen Figur eine eigenstandige Rolle neben dem fur die Zweite Gruppe charakteristischen Motiv der antithetischen Steinbocke zuweist. Der
"Vogel mit den ausgebreiteten Schwingen" kann meines Erachtens nicht automatisch als Topos der Zweiten Kassitischen Gmppe gelten, wie Matthews meint.
Im Unterschied dazu ist die Entwicklung, das Symbol dem menschlichen Bildnis vorzuziehen, kennzeichnend fur die Zweite Gruppe. Die anthropomorphe Figur tritt in dieser Gruppe nur ausnahmsweise als Hauptakteur bestimmter Bildhandlungen in Erscheinung, 2.B. bei "Jagd-" und bei b'F'flugszenen" oder als "Bezwinger"; letztere Funktion wird meistens von Mischwesen ubemommen.
c. Steinfarbe
Die rote bzw. braunrote Farbung der Materialsorte tritt nicht nur auffallend haufig in Verbindung mit Bildszenen apotropaischer Bedeutung auf, sondem auch mit Inschriften, die eine Gebetsbeschwiirung beinhalten (1, 3)". Zu den hier zitierten Beispielen mulj jedoch einschrankend gesagt werden, d& das Material bei drei Zylindem nicht bekannt istI2, auch konnen die Legenden der Abrollungen nicht rekonstruiert werden. Andererseits zeichnete sich im Verlauf der Untersuchung sogar ein Bezug zwischen der gewahlten Materialfarbe und einer bestimmten Gottheit, namlich Zarpanitum, abI3.
d. Inschriften
Fast alle Siegelprogramme, die das Motiv "antithetische Steinbocke iiber einem Vegetationssyrnbol" zum Thema haben, werden von einer vertikalen Legende begleitet.
Dies l a t auf die Bedeutung der Beischrift fiir die Gesamtkonzeption schlieljen.
Der ijbereinstimmung des Bildprogramms steht allerdings keine klare Systematik der Inschriften gegenuber. Wahrend die 3-zeilige Legende von Siegel 1 eine Gebetsbeschworung wiedergibt, dienten in den Fallen 3 und 4 Auszuge von Texten magischen Charakters als vorlagen14. Die 5 Zeilen von Siegel 5 enthalten ein Gebet an Marduk, dessen voller Wortlaut noch nicht entschlusselt werden konnte.
Die Texte lassen eine gewisse Lautmalerei erkennen, die Tonalitat der Endsilben bestimmt die Klangfarbe der rezitierten Strophen.
10 Vgl. Stiehler 1996, hrgangsformen zur Zweiten Gruppe, 123.
11 Generell laBt sich sagen, daB, unabhiingig vom Gesteinsmaterial, die Farben "Rosa",
"Rot","Rotbraun","Rot und W e i r gebiindert oder gesprenkelt, sowie "Schwarz und Rot" gebiindert oder esprenkelt, iiberproportional zu ihrem Vorkommen bei Siegeln dieser Kategorie verwendet wurden.
B
Leider wurde Siegel 4 von den Autoren Amiet und Dossin nur als moderne Abrollung acs Mossul vorgestellt. Bei den Abb. 2 und 6 handelt es sich um antike Abrollungen.l 3 Die Zylinder BM 89091 (Abb. 1). BM 119321, de Clercq 241, Aleppo 105 und NM 1415 tragen eine
rote Fabung.
14 Zur Entwicklung der Textgattunpen kassitischer Siegelinschriften vgl. Limet 1971.20ff.. bes. 23-25.
G. Stiehler-Alepia Delgado
Abb. 1: BM 89091:
dzar?!-pa-ni- [tu4?l, DAM?! NUN ME D U - ~ U ~ , IGI-TAB-A-M ARHUS!-TUKU-[AI
"Zarpanitum, Gemahlin des Weisen, die Schopferin, einen Beschiitzer moge er/sie habenW*5.
Die Epitheta der G a i n Zarpanitum reichen von belit babili, iiber "Schopferin", Gottin der Gebarenden (Erua), Gottin des Himmels und der Erde (Papnunanki), bis zu ME- abzu und Nin-abzu. Als Henin des Abzu und Gattin Asalluhis wird sie in den Gotterkreis um Enki/Ea eingegliedertI6.
Abb. 3: Morgan 587:
Es handelt sich urn eine Beschworung, die man kaum iibersetzen kann, wie mir Winfred van Soldt unter Hinweis auf die Studien von I. Finkel mitteilte. C. Frank interpretierte frei: "...es moge dich vertreiben aus den ~ebewesen"". Derselbe Text wird von diversen kassitischen Siegellegenden aufgegriffen, z.B. de Clercq 253 und LBAF 428".
Abb. 4: Byrsa VII, 3:
Umschrift und ijbersetzung dieser 5-zeiligen, schwer deutbaren Inschrift wurden u.a. von Henri Limet vorgelegtW. William G. Lambert schlug in seiner Rezension fur die letzten Zeilen die Lesart gulclul>-ti e-pu-gu ma-gal ul i-di Sar-ka tabu (diig.ga) li- zi(!tablet:li)-qam
...
vor und kommentierte sie als "corrupt extract from a prayer or in~antation"~~'.Die deutsche ijbersetzung jener Zeilen "
...
ich kenne meine Frevel nicht, moge Dein guter Wind mich anwehen" verdanke ich Walter Sommerfeld.Erwahnung finden sollten noch die iibrigen Inschriften kassitischer Siege], die sich an Zarpanitum und Marduk wenden. Es handelt sich um BM 1 193212', deClerq 2412',
l5 Es handelt sich um die vorllufige ijbersetzung von Prof. Selz. Marduks Z i i g als Weisheitsgott lassen sich nicht vor der Kassitenzeit nachweisen (vgl. W. Sornmerfeld, Der Aufstieg Marduks im 2. Jahrtausend, AOAT, 1982,159 bzw. 169).
l6 a) Vgl. Tallqvist 1937, 452. b) Ausfiihrlichere Erlauterungen zu der wohl urspriinglich aus dem Suden stammenden Gottin, die entweder bereits in Kuara als Gemahlin Asalluhis auftrat oder erst mit der Eingliederung Asalluhis in das Pantheon von Eridu, und ihrer Epitheta gibt Thomas Richter (Untersuchungen zu den lokalen Panthea Siid- und Mittelbabyloniens in altbabylonischer Z i t , AOAT 116, 1999, 248-9 und 35 1 ).
17 Vgl. die Anmerkungen bei Limet 1971, 10.2; der sich u.a. auf C. Frank, LamaStu, Pazuzu und andere Diimonen, MAOG 1412 (1941), 8-9, beruft. Die Inschrift Morgan 587 ist identisch mit Mogan 583 (Lirnet 10.2), einem rosa Mmorzylinder. Vgl. Katalog Stiehler 1996, Nr. 17.
18 Stiehler 1996, Nrn. 239 (rosa Jaspis) und 266.
19 Limet 1971,8.17.
20 W.G. Lambert, Recension Limet, Les legendes, BiOr XXXn 314 (1975), 223.
21 BM 119321: Figur nach links, uber der Hand das umschriebene Kreuz, vor dem Arm eine Heuschrecke, darunter Hund, zuunterst 2 Rauten, 6-zeilige Inschrift. Obsidian. Bearbeitet von W.G. Lambert, Objects
Das Rollsiegel BM8YO9l und seine Stellung innnerhalb der kassitischen Ikonoflaphie
Aleppo 104, Aleppo 1 0 5 ~ ~ und NM 1415~~. Die drei letztgenannten, in ihrer Ikonographie sehr ahnlichen Stiicke, tragen eine vierzeilige, fast identische Legende, die eine Anrufung Zarpanitums ( d ~ ~ ~ . ~ ~ ~ . ~ ~ . K I . K h L 4 ) und Marduks (d~h.zu, umun me) beinha~tet~~.
4. DATIERUNG
Aufgrund des Motivvergleichs mit der Abrollung aus Nippur (Abb. 2), das mit der Urkunde 14N228 aus dem 4. Regierungsjahr des Sagarakti-SuriaS im Fundkontext ~ t e h t ~ ~ , und dem Siegel des Vertrages CBS 11657~' aus dem 3. Regierungsjahr Sagarakti-Suria~, scheint mir eine Zeitstellung angemessen, die in der 2. Halfte des 13. Jh. liegt.
Als zeitgenossisches Denkmal der Epoche Sagarakti-SuriaS begegnet uns das Motiv
"antithetische Steinbocke und Vegetationssymbol" auf der Siegelabrollung der Tafel P141JL843 des sog. Peiser-Archivs, denn die Beischrift weist einen der Kontrahenten als Siegelbesitzer aus2'.
Die Zuordnung des Siegelthemas zu einer der vier Gruppen kassitischer ~ l ~ ~ t i k ~ ' spielt im vorliegenden Fall zur Datierung nur eine marginale Rolle, denn auljer der dritten
finden alle ikonographischen Gruppen von der 2. Halfte des 14. ab bis mindestens zum Ende des 13. Jh. gleichzeitig Verwendung. Allein aufgrund stilistischer und antiquarischer Merkmale sind lediglich innerhalb derselben Gruppe chronologische Justierungen moglich.
5. INTERPRETATION
Die doppelgriindigen Darstellungen sprechen sicherlich verschiedene Reflektionsebenen an, deren ambivalente Bedeutung sich dem zeitgenossischen Betrachter erschlof3. Desweiteren darf man unterstellen, daIj der Steinschneider moglichst viele
inscribed and uninscribed, in: AfO 23 (1970), 46, Nr. 3. Femer Katalog Stiehler 1996, Nr. 64 bzw. Limet 1970, LSC 9.4.
De Clercq 241: Lamma-Gain nach rechts vor 4-zeiliger Inschrift. Kameol. L. de Clercq / J.Menant, Collection de Clercq, Catalogue mkthodique et raisonnnt. Antiquitks Assyriemes. 2 Vol. Cylindres Orientaux. Paris 1888.
23 Aleppo 104 (Bergkristall), Alepw, 105 (roter Jaspis): Figur nach links, iiber der Hand das Kreuz, davor ein Tier, eine Rosette, zuunterst ein Hund. H. Hammade, Cylinder Seals from the Collection of the Aleppo- Museum, Syrian Arab Republic, 1987. Umzeichnung und Kornrnentar bei Stiehler 1996, Nr. 70a und 70.
24 NM 1415 (rosa Kalkstein): I.M. Casanowicz, Collection of Ancient Oriental Seals in the US National Museum, Wash., 1926. Umzeichnung bei Stiehler 1996, Nr. 69.
25 a) K. Reiter, Drei "kassitische" Rollsiegel, in: Altorientalische Forschungen 2212 (1995), 230-9.
b) Unter ihrem Epitheton d ~ ~ 4 N U N . ~ ~ . ~ ~ wird Zarpanitum bereits in TCL 15, 10 II 42 als Gemahlin Asalluhis bezeichnet (Richter, op.cit., 35 1).
26 Zu 14N117 vgl. Anm. 4.
27 CBS 11657 zeigt eine fragmentarische Abrollung mit zwei Steinkcken und 5(?)-zeiliger Legende (vgl.
Matthews 1992, Nr. 168 bzw. Katalog Stiehler 1996, Nr. 343).
28 Die Abrollung auf P 141/L843 zeigt zwei antithetische Steinkcke in unklarem Kontext neben einer 6- zeiligen Legende (vgl. Katalog Stiehler 1996, Nr. 345). Ein Teil dieser Tafeln des ehem. Peiser-Archivs befindet sich jetzt in der Tontafelsammlung Franz de Liagre Bohl, Leiden, NL, der andere in Paris und Berlin.
Alle wurden emeut von W. van Soldt philologisch und archaologisch untersucht. Die fragliche Urkunde wurde im 6. Jahr des Sagarakti-Suria~ ausgestellt, die Beischrift auf dem linken Rand vemeist auf einen gewissen TakiSu als Siegelnden (F.H. Peiser, Urkunden aus der Zeit der dritten babylonischen Dynastic,
1905.31-32). Den Hinweis auf die neue Schreibweise, TaqiSu, verdanke ich Wilfred van Soldt.
29 Die kassitische Glyptik laBt sich in mindestens 4 Gruppen einteilen. Wahrend Matthews (1990) von
"First. Second. Pseudo and Third Kassite Group" ausgeht, ordnet Stiehler (1996) in Erste (schlieBt die sog.
"Pseudo" ein). Zweite, Dritte und Vierte Gruppe (Siegel mit Reihungen und ohne Inschrift). Inzwischen favorisert die Autorin eine Einteilung in 6 Gruppen, bei der die Transitsiegel und die bildlosen Schriftsiegel eine eigene Gruppe bilden.
G . Stiehler-Alep'a Delgado
Theologien beriicksichtigte, die sowohl mit dern ofiziellen Kult als auch der privaten Frommigkeit in Einklang gebracht werden konnten.
Obwohl die Bedeutung der dargestellten Objekte und Figuren auf kassitischen Denkmalern mangels eindeutiger Belegstellen nur naherungsweise zu erfassen ist, wage ich eine Interpretation, gestutzt auf die Siegellegende und andere literarische Vorlagen:
"Derldie Siegelhesitzerin wendet sich um Schutz an Zarpanitum, die nicht nur als Schopferin, sondern auch als Gattin des Weisen (Apkallu) Marduk, hesonders befahigt zu sein scheint, dern Anliegen der Glauhigen zum Eifolg zu verhelfen und das Schicksal positiv zu beeinflussen.
Die in Szene gesetzten Figuren unterstutzen und hekraftigen die Worte. Die Glyptik als Spiegelhild eines Universurns im Miniaturformat, in dern die Himmelssphare durch Vogel und Kreuz, das Gebirge durch Steinhocke und die Erde durch in ihr wurzelnde Pflanzen verkorpert wird, reji'ektiert gleichsam das Epitheton Papnunanki, "grofie Furstin des Himmels und der Erde".
Bezogen auf die Umschreibungen des Siegeltextes ergeben sich weiterfiihrende Interpretationen:
"Die Weisheit und Macht der Gottheiten des EnkilEa-Kreises wird durch die Attrihuttiere Enkis, die Steinhocke, und das Gewachs, welches dern Ahzu entspringt, ins Gedachtnis gerufen. Gleichzeitig stehen diese f i r das lehensspendende Su!wasser, mit dessen Quellen auch der Vogel assoziiert werden daif. Das Kreuz und der Affe hieten Schutz vor dern Unheil, auch der grofie Vogel - in seiner Metamorphose des AnzG - steht fur die Verteidigung gegen das Bose. Hilfe aus der Misere verspricht die Gestalt des springenden Fuchses".
Typologische Details wie die antithetische Haltung und das Gehorn der Ibexe, die Wahl des Vegetationsmotivs und die besondere Hugstellung des Vogels erweitern das Spektrum syrnboltrachtiger Hinweise.
6. ANHANG: DIE BEDEUTUNG DER EINZELNEN FIGUREN Das Zentralmotiv
Die Steinbocke, als Attributtiere Enkis d L a abzu genannt, flankieren ein Gewachs, das dern Abzu entspringt. In der antithetischen Stellung der Ibexe verkorpert sich das Ereignis der ~ ~ u i n o k t i e , wobei die Bocke die kurzer bzw. Ianger werdenden Tage reprasentieren. Relevant mogen die wulstigen Jahresringe ihres Gehorns gewesen sein, die aufgrund der durch die Jahreszeiten bedingten Wachstumsunterschiede entstehen.
Bei den rautenformigen Gebilden handelt es sich um mehrdeutige Symbole mit Eigenwert. Die Darstellung 3 assoziert abstrahierte Fische, die Begrenzung der Bildszene nach oben wie bei 4 dagegen Wolken. Beide Motive sind dern lebensspendenden Wasser verbunden.
Die anthropomorphe Figur
Die Figur steht fur den Schutz und die Aufrechterhaitung der kosmischen, sprich gottlichen, Ordnung. Es sei dahingestellt, ob eine hohe Gottheit oder ihr Bote gemeint ist,
Das Rollsiegel BM89091 und seine Stellung innnerhalb der kassitischen Ikonogaphie
doch sollte ihre Zugehorigkeit zur gottlichen Sph&-e in der kassitischen Glyptik nicht allein aufgrund der Abwesenheit entsprechender Embleme bezweifelt werden. Das Fehlen des Bartes deutet auf eine weibliche Gestalt. Diese Beobachtung wird erganzt durch die abgewinkelte Linie, welche uber der linken Schulter und dem Oberarm sichtbar ist und bei der es sich um die Gegengewichtsschnur handeln konnte. Der Mange1 an weiteren weiblichen Attributen mag stilistische Griinde haben bzw. durch die vereinfachte Schnittfuhrung bedingt sein.
Die Nebenmotive
Die sogenannten Fullsel dienen nicht nur zur Erganzung der Hauptszene, sie verkorpern eigene Wertigkeiten.
a. g r o k r Vogel mit ausgebreiteten Schwingen:
Ob die zeitgenossische Variante des AnzO gemeint sein sol1 oder ein anderer Vogel, der uns aus Dichtungen bekannt ist, l%t sich nicht naher modifizieren. Die Auswahl geschieht unter dem Gesichtspunkt, daB jene Mythen erganzt werden, die sich um den Ursprung des SiiBwassers ranken. Der Lijwenadler AnzCl reguliert die Strome Euphrat und Tigris und sein Briillen beschreibt ihn als ~etterphanomen~". Seine apotropaische Funktion vermag sich in Verbindung mit dem diagonalen Kreuz zu steigern. Erinnert sei ferner an die Schicksalstafeln, deren Wachter er war, bevor er sie entwendete.
b. Kreuz:
Das Kreuz bezeichnet nicht nur die Himmels- und Windrichtungen, es wird als Schnittpunkt des Alls begriffen und assoziiert den Begriff Schicksal. Gekreuzte Linien gehorten ferner zu den magischen Beschworungsritualen, um die E a f t e zu bundeln.
c. Affe:
Als gezahmtes, wildes Tier erreichte der Affe den Status eines halbmythologischen Wesens und erfullte ebenfalls eine apotropaische Funktion gegen das ~ o s e ~ ' . d. Fuchs:
Der bereits in sumerischen Texten des 3. Jt. als schlau glossierte Fuchs spielt nicht nur in der Wahrsagesymbol bei MiBgeburten eine Rolle. Von Bedeutung scheint mir das literarische Motiv des Fuchses als schlauer Nothelfer im Mythos "Enki und Ninhursag" (Zeile 225) zu sein. Steht das Bild des eilenden Fuchses als Allegorie fur die nahende Hilfe?
30 Zum mythologischen Hintergmnd Anziis auBert sich ausf~ihrlich Wiggermann. Mischwesen A in: RLA 8 (1994), 226, 230. Zur Ikonographie des Lowenadlers in der 2. Halfte des 2. Jt. vgl. G. Stiehler-Alegria, Greifvogel und Beute- ein kassitischer Topos, in: AOF 2612 (1999), 250-268, bes. 253.
31 Affenfigiirchen aus Karneol und Affenkopfe aus blauer Frine wurden als Beigabe in mittelbabylonischen Grkibern geborgen(R. Koldewey, Das wiedererstandene Babylon 1925, Abb. 148). Vgl. femei Wiggermann, op.cit., 238.
G. Stiehler-Alegria Delgado
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as site
Buildings in Area WC-1, in: Nippur III, OIP vol. III, XXXVIII, 8 1-89.Fig. 1.4: BM 89091: Fotografie der modemen Fig. 1B: Zeichnung der Autorin nach der modemen Abrollung (The Trustees of the British Abrollung 1A.
Museum, London). Gr: 42x56.
Fig. 2: Zeichnung der Autorin nach der Fotografie der antiken Ahflung bei Gibson 1983, fig. 21.
Fig. 3A. Morgan 587: Fotografie bei Porada Fig. 3B: Zeichnung der Autorin nach der 1948, Nr. 587. Gr: 25 3x1 1 J. Fotografie 3A.
Fig. 4A: Byrsa 3: Fotografie der modernen Abrollung Fig. 4B: Zeichnung der Autorin nach der bei ArnietJkssin 1957, PlD, Nr. 3. Gr 31x16. Fotografie 4A.
Fig. 5A: Siege1 aus Privatsammlung. Gr 42x16. Fig. 5B: Zeichnung der Autorin nach der Abrollung 5A.
Fig. 6: Zeichnung von Matthews 1992, Nr.
179, nach der antiken Abrollung Nippur UM 29- 16-362. Gr: 17x40 (Abr.).