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CAPÍTULO II COLECTIVO DE MEDIOS GALPÓN, UNA OPORTUNIDAD PARA APRENDER

Etapa 6 – Intervención en Proyectos Constituidos, Ajenos al Colectivo Características trabajo

4. CONSIDERACIONES FINALES

„Issues of gender and national identity intersect in multiple ways; in the gendering of the concept of the nation, in the idea of the national landscape as feminine, in the concern with the issues of race, place, and the national population and the delimiting of gender roles in the idealization and representation of rural life.”113

Auf den vorangehenden Seiten wurden nahezu alle von McClintock hier erwähnten Aspekte schon einmal angesprochen, die Matrix der Zweigeschlechtlichkeit, welche nationale Diskurse durchzieht, die Feminisierung von Land, die Zusammenhänge zwischen race, space und Bevölkerungspolitiken. Im Folgenden werden die Fortschreibung dieser vor allem für koloniale Kontexte herausgearbeiteten diskursiven Schnittstellen und politischen Praktiken im nationalen Dispositiv untersucht. Anhand von fünf Beispielen wird dies letztlich zu McClintocks letztem Punkt führen: der Idealisierung des ländlichen Lebens und diesem Falle durch die feministische Theorie und Praxis. Nach ausführlichen Überlegungen zur Methodik, Begriffsklärung und traditionellen Vorstellungen von Geschlechterdifferenz in nationalen Dispositiven, taucht hier zum ersten Mal eine Frage auf, die des weiteren diese Studie bestimmen wird: Was sind die Anschlussstellen feministischer, beziehungsweise frauenemanzipativer Theorie und Praxis für die Transformation nationaler Projekte? Inwieweit werden aktuelle nation building-Prozesse durch die Integration feministischer Theorie und Praxis modernisiert? Es handelt sich um eine Theorie und Praxis, die, wie gegen Ende dieses Kapitels deutlich werden wird, selbst patriarchale, koloniale Diskursmomente wie beispielsweise die Analogiebildungen von Land und Weiblichkeit aufgreift.

Patrilinearität im Kontext von Race, Gender, Nation

Das koloniale Vermächtnis der Aneignung durch Benennen, Markieren und Festlegen der Herkunft wirkt auch in nationalen Diskursen. Lange Zeit wurde die Abstammung eines Kindes patrilinear bestimmt und sprachlich als solche gekennzeichnet, indem staatlichen Organe diverser abendländischer Nationen bis an das Ende des 20. Jahrhunderts ausschließlich den Namen des Mannes als Familiennamen für Frau und Kinder anerkannten. Zugleich wurden diese Praktiken auch auf nationalstaatliche Instrumentarien übertragen: ein Beispiel hierfür wäre die lange Zeit patrilinear

bowls of holy waters [...] is a surrogate birth ritual, during which men compensate themselves for their invisible role in the birth of the child and compensate women’s agency.”

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bestimmte Staatsbürgerschaft. Die männliche Definitionsmacht auf beiden Ebenen - sowohl auf der familialen als auch innerhalb der nationalen politics of belonging -

können im historischen Kontext von Kompensationstrategien bezüglich der männlichen Machtlosigkeit gegenüber der eigenen Herkunft und ihrer Nachkommenschaft interpretiert werden. “To compensate for this, men disminish women’s contribution [...] by reducing them to vessels and machines - mere bearers - without creative agency or the power to name.“114 Dies könnte eine Erklärung sein, warum Frauen zwar zentrale Objekte der bevölkerungspolitischen Zielsetzung der stetigen Reproduktion des jeweiligen nationalen Kollektivs sind, doch die ethnische Herkunft und auch die nationale Zugehörigkeit von Frauen und Kindern gesetzlich lange Zeit nach der des Mannes definiert wurde.

Seit dem frühen 20. Jahrhundert wurden in den USA versucht, die Normen der Weißen, angelsächsischen, bürgerlichen Familie mittels sozialtechnischer Disziplinierungstechniken gezielt auf andere soziale Gruppen zu übertragen. Wie die Arbeiterschaft und/oder Immigranten durch Prozeduren der Biomacht bevölkerungspolitisch erfasst, reglementiert und im Sinne des Kapitals sowie hegemonialer nationaler Identifikation diszipliniert wurden, wird im letzten Teil dieses Kapitels über Biomacht genauer ausgeführt. Ein Beispiel, inwieweit die Durchsetzung neuer Regelungen zur Definition der Nachkommenschaft mit rassistischen Interessen einer nationalen Bevölkerungspolitik verstrickt war, sei jedoch schon hier erwähnt. „Throughout the twentieth century, new federal policies have been formulated to target the power of American Indian women specifically, most usually within their traditional capacity as familial anchors.“115 Annette M. Jaimes und Theresa Halsey erwähnen in diesem Zusammenhang die Supreme Court Entscheidung im Falle Santa Clara Pueblo versus Martinez aus dem Jahr 1978. Damals wurde entschieden, dass das Kind von einer indianischen Frau und einem nicht-indianischen Vater als nicht-indianischer Herkunft galt und somit alle speziellen Rechte von Menschen indianischer Herkunft verlor. Gleichzeitig aber wurde dem Kind eines indianischen Mannes und einer nicht- indianischen Frau eine indianische Abstammung zugeschrieben.116

114

McClintock 1995, 29.

115

Jaimes, M. Annette; Halsey, Theresa. 1997. “American Indian Women: At the Centre of Indigenous Resistance in Contemporary North America”, in McClintock, Anne; Mufti, Aamir; Shohat, Ella (Hgs.)

Dangerous Liaisons. Gender, Nation and Postcolonial Perspectives (Minneapolis, London: University of Minnesota Press), 312.

116

A women’s political relation to the nation was submerged as a social relation to a man through marriage. For women, citizenship in the nation was mediated by the marriage relation within the family.117

Das dies nicht nur für die USA, sondern auch für andere nationale Projekte gilt, lässt sich an folgendem Beispiel zeigen: in der BRD verlor eine Frau noch bis 1975 ihre Staatsbürgerschaft durch die Heirat mit einem nicht-deutschen Mann. Kindern aus bi- nationalen Verbindungen mit einem nicht-deutschen Vater war es erst nach 1975 möglich, die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten.

Trotz des schon längst erkämpften Wahlrechts für Frauen und damit formal gleicher Rechte war die Erlangung der Staatsbürgerschaft, also letztlich das grundlegende Recht Rechte zu haben, lange Zeit durch den Vater oder Ehemann bestimmt. In dieser Logik des Privateigentums wird die Zugehörigkeit der Frau ebenso markiert wie das feminisierte Land markiert werden musste. In nationalen Szenarios wurde der weibliche Körper zum Territorium einer durch den Mann definierten Abstammungsfolge oder nationaler Zugehörigkeit - markiert durch das Namensschild an der Tür oder den Pass. Der Einschluss bestimmter Frauen in den nationalen Diskurs hatte mindestens zwei zentrale Funktionen: die Frau als „symbolic signifier of national difference“ und die Frau als „transmitter of national culture“, sprich dem Vermitteln der „Muttersprache“ und nationalen Werten und Traditionen. 118 Konkret erlangen die dem nationalen Kollektiv zugerechneten Frauen Bedeutung als „reproducer of the boundaries of national groups“, beispielsweise durch die Beschränkung von Heiratspraktiken und von sexuellen Kontakten oder den Regelungen zur Staatsbürgerschaft.119 Nicht nur die symbolische und die konkrete Bedeutung der Frau für den nationalen Diskurs, sondern im Gegenzug auch ihre Beziehung zum nationalen Kollektiv wurde und wird als ein durch den Mann vermitteltes Verhältnis konstruiert.

Allegorische Weiblichkeit als monumentalisierte Repräsentation der Nation

Dies ist jedoch weder statisch noch universell. Es ist fraglich, ob heutzutage die Repräsentation von Frauen und die Bedeutung von Weiblichkeitsvorstellungen innerhalb nationaler Dispositive nur mehr ausschließlich als passiv und auf der Grundlage eines traditionellen Geschlechterverhältnisses verstanden werden kann. War das Verhältnis von Frauen zur Nation lange Zeit einerseits konkret alltagspolitisch nur

117

McClintock 1997, 91. (Kursivierung im Original)

118

Anthias und Yuval-Davis 1989, 7.

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durch Männer mediatisiert und andererseits auf eine symbolische Verkörperung der Nation reduziert, so ist auch die Beziehung von männlichen Subjekten zu „ihrer“ Nation in Relation zu bestimmten sich verändernden Weiblichkeitsrepräsentationen zu begreifen. Es lässt sich also argumentieren, dass innerhalb eins nationalen Kollektivs die Verhältnisse von Männern und Frauen zur Nation heteronormativ geprägt sind, aber zugleich lassen sich auch homosoziale Aspekte feststellen: Nämlich immer dann, wenn das „eigene“ Verhältnis zur Nation durch das Herstellen von Differenz zu Menschen des gleichen Geschlechts aber anderer Herkunft vollzogen wird.120 In beiden Fällen gestaltet sich das Verhältnis von Männern wie von Frauen zu „ihrer“ Nation durch das in Beziehungen setzen mit Frauen und Männern anderer Herkunft. Somit wird nationale Identität hier über die Herstellung von homosozialen Verhältnissen die aber indirekt auf heteronormativen Sozial-Beziehungen gründen, produziert.

Die unverblümte heterosexuelle Matrix nationaler Dispositive hat dagegen seit dem späten 19. Jahrhundert bis heute im öffentlichen Raum überdauert. Die kolonialen Vorläufer nationaler Repräsentationspolitik wurden bereits in zwei Exkursen untersucht: „[...] imperial men invented a moment of pure (male) origin and mark it visibly with one of Europe’s fetishes: a flag, a name on a map, a stone, or later perhaps, a monument.“121 In diesem Kontext ist der letztgenannte Fetisch von Interesse: das Monument, beziehungsweise die Skulptur.

So verweisen seit mehr als einem Jahrhundert Skulpturen leicht bekleideter Frauen allegorisch auf den Staat und auf nationale Werte (Justitia, Bavaria, Statue of Liberty).122 In den USA war individuelle Freiheit lange Zeit ein für den Weißen, besitzenden Mann reserviertes Bürgerrecht, was jedoch kein Hinderungsgrund war, dieses Recht durch eine Weiße Frau zu personifizieren. Im Gegenteil, in verschiedenen westlichen Ländern repräsentierten weibliche Allegorien die herrschende Ordnung, der sich die Männer unterwerfen sollten und symbolisierten zugleich jene nationalen Werte, die die männlichen Staatsbürger mit ihrem Leben zu verteidigen hatten. Silke Wenk arbeitet dies in ihrer historischen Analyse der Bedeutung von visuellen Weiblichkeiten für die politischen Diskurse der Moderne heraus. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts und

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Speziell im letzten Kapitel dieser Arbeit untersuche ich diese Argumentationen genauer: „Wir Männer hier sind im Gegensatz zu denen besser, typisch deutsch etc. weil die ihrer Frauen im Gegensatz zu uns nicht so gut behandeln…“/ „Wir hier haben es besser und so was wäre in meinem Land/Kultur nicht möglich, Frauen hier sind fortschrittlicher als dort…“

121

McClintock 1995, 30.

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Zur Bedeutung nationaler Werte in den USA in Bezug auf amerikanische Identität siehe in diesem Kapitel den Exkurs Biomacht American Style.

der Ausweitung staatlicher Sozialtechniken dienten weibliche Aktskulpturen (die Sitzende, die Liegende,...) vor allem dazu, neu entstandene soziale Einrichtungen zu möblieren. Auch diesen Akten wohnt eine allegorische Funktion für den Nationalstaat inne: die Allegorie des „schlichten Lebens“ stützte die Mutterideologie des modernen Wohlfahrtsstaates und entsprach der auf Reproduktion des nationalen Kollektives festgelegten Rolle der Frau.123

the male role in the nationalist scenario is typically ‘metonymic’; that is, men are contiguous with each other and with the national whole. Women, by contrast, appear ‘in a metaphoric or symbolic role’.124

Selbst im 19. Jahrhundert wurden Weiblichkeitsrepräsentationen nationaler Werte durchaus auch mit wehrhaften Frauen symbolisiert, hier sei nur die Armed Liberty Statue auf dem Kapitol oder die Germania genannt.125 Dies ist ein Beleg mehr dafür, dass „Bilder nicht einfach als Abbilder einer historischen Wirklichkeit zu entziffern sind“,126 denn als Thomas Crawford die Armed Liberty 1865 aufstellte, waren Frauen von der weiblich personifizierten Freiheit noch ausgeschlossen. Der Platz, den Frauen in der Gesellschaft einnahmen, änderte sich im 20. Jahrhundert zunehmend, und so wurden Frauen neben den dominanten Mutter- oder Aktdarstellungen auch in ihren konkreten historischen Funktionen repräsentiert. Doch der symbolischen Rolle innerhalb des nationalen Zeichensystems scheinen Frauen selbst dann nicht zu entkommen, wenn sie als handelnde historische Subjekte repräsentiert werden. Denn in den Darstellungen wird die gewandelte Funktion von Frauen erneut in die klassische Symbolsprache integriert. Als Beispiel sei hier das von Glenna Goodacre 1993 erstellte

Vietnam Women's Memorial oder das 1997 errichtete The Women In Military Service For America Memorial genannt. Das letztgenannte ist mit seinem 4,2 acres Fläche in der Nähe des Arlington National Cemetary das größte Denkmal seiner Art, das unter dem Motto "Relive the past, experience the present and envision the future of Americas

'

Servicewomen" alle Frauen im Militär ehren soll.127 Das Vietnam Memorial welches Babro Schönberger treffend als Darstellung der „U.S.-Soldatin als Schmerzensmutter“

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Wenk, Silke. 1996. Versteinerte Weiblichkeiten: Allegorien in der Skulptur der Moderne. (Köln: Böhlau Verlag)

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Elke Boehmer zitiert bei McClintock 1997, 90.

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Eine kenntnisreiche feministische Analyse der Germania findet sich bei Herminghouse, Patrica; Mueller, Magda. 1997. Gender and Germaness. Cultural Productions of Nation (Providence, Oxford: Bergham Books)

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Mehrtens, Herbert. 1998. „Wir fliegen in die USA“, in der einmaligen Zeitung Mäusel, Stephan, u. a. (Red.) Exkursionen zu einer Nation und ihren Zeichen mit feministischem Blick Historisches Seminar, Universität Braunschweig und FB 2, Carl von Ossietzky Universität, Oldenburg, 1.

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bezeichnete, zeigt drei uniformierte Frauen mit einem verwundeten Soldaten und wird auf der offiziellen web-site folgendermaßen beschrieben: „While one nurse comforts the soldier, another kneels in thought or prayer. The third looks to the skies - for help from a medevac helicopter, or perhaps from a higher power. Goodacre left the interpretation open so that people could read into it whatever they wished.”128 Können die Betrachter und Betrachterinnen hier wirklich lesen, was sie wollen? Das Denkmal das aus einer Art „additivem Feminismus“ entstand - auch Frauen waren an diesem Krieg beteiligt und Frauen kämpften 10 Jahre lang für dieses in Bronze gegossene Gedenken – repräsentiert Soldatinnen primär als Krankenschwestern und legt insbesondere Wert auf deren Gefühle wie Mitgefühl, Angst und Erschöpfung. Schönberger fragt sich, ob es hier tatsächlich „nur“ um die Repräsentation der Erfahrung von Frauen geht und beantwortet dies auch gleich selbst in ihrer Analyse der Skulptur als Pietadarstellung: der Soldat der den Jesu Opfertod in den Armen der Trost spendenden Soldatin stirbt.

Einen sterbenden Soldaten an seine Stelle zu setzten, heißt, dessen Tod zu rechtfertigen, in dem ihm ein Sinn unterstellt wird und die U.S. Soldatin als Mater Dolorosa zu inszenieren schreibt diese wiederum auf das traditionelle Frauenbild der fürsorgenden Mutter fest.129

So bleibt also auch die Darstellung weiblicher Aktivität der Ideologie heteronormativer Prämissen unterworfen.

Nation as Narration: Nationale Mythen und Geschlechterdifferenz

Das nationale Zeichensystem scheint zwar flexibel in der Integration neuer Themen – der Frau als Soldatin - aber zugleich auch sehr beharrlich in der stetigen Wiederholung von traditionellen Genres und Geschlechterrollen. Dadurch ist die Interpretationsvarianz nationaler Symbolik und ihrer Geschlechterrepräsentanz letzten Endes doch sehr beschränkt. Dies mag vielleicht in der „Natur“ der nationalen Bildsprache, nationaler Mythen und deren Metaphernsystem liegen. Denn Metaphern können sich so sehr verselbständigen und zum Teil der Alltags(bild)sprache werden, dass weder die Metapher als solche, noch ihre naturalisierende Wirkung und legitimisierende Funktion wahrgenommen wird. „The possibility that metaphor systems may contain, encapsulate, the group’s (be it tribe or nation) most ancient heritages and, in some sense trace its

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http://www.nps.gov/vive/memorial/women.htm.

Schönberger, Babro. 1998. „Das Vietnam Women’s Memorial“, in der einmaligen Zeitung Mäusel, Stephan, u. a. (Red.) Exkursionen zu einer Nation und ihren Zeichen mit feministischem Blick

Historisches Seminar, Universität Braunschweig und FB 2, Carl von Ossietzky Universität, Oldenburg, 6.

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psychological and historical development, is nowhere suggested.“130 Nationale Mythenbildung erzeugt, konserviert und kollektiviert Ursprungsphantasien einer Nation und ist somit direkter Bestandteil eines gemeinsamen Ursprungs- und Schicksalsphantasmas eines nationalen Kollektivs. Schönberger formuliert bezogen auf das Vietnam Woman’s Memorial

Dadurch ist es kein Denkmal mit dem sich ausschließlich Veteraninnen des Vietnamkrieges identifizieren können, bilden doch Religion und die klare Trennung der Geschlechter uramerikanische Werte. So funktioniert es sehr gut als Projektionsfläche für allgemeine nationalistische Vorstellungen. Ob Krieg und Sterben für’s Vaterland überhaupt einen Sinn machen, wird im Vietnam Women’s Memorial jedenfalls nicht hinterfragt.131

Wie alle Mythen vereinheitlichen auch nationale Legenden durch permanente Wiederholung historische Diskontinuitäten, begradigen unpassende Abweichungen, tilgen Widersprüche in nationalen Narrationen und reaffirmieren dadurch die Selbstwahrnehmung des Kollektivs. „Myth is a fixed, satisfying, and stable story that is used again and again to normalize our account of social life. [...] the myth tames the variety of historical experience, giving it familiarity while using it to reaffirm the culture’s long-standing interpretation of itself.”132 Nach Lotman ist der mythische Text durch zwei Charaktere geprägt: den Helden und die Grenze, beziehungsweise das Hindernis, das er zu überwinden hat. Der Held als Subjekt des Textes bewegt sich in einem Raum, in dem er Normen und Differenzen etabliert. Dem Hindernis kommt lediglich die Textfunktion eines durch das aktive Subjekt zu überwindenden Objekts zu. Das Subjekt ist mobil, die zu überwindende Begrenzung ist statisch. Sie erscheint als ein fixer, schon vor der Erscheinung des Helden existenter und von ihm unabhängiger Ort, der den Raum begrenzt, durch den er sich nach seinen Regeln bewegt und ihn somit erzeugt - eine für den Helden unakzeptable Störung. De Lauretis argumentiert, dass der Held als Textsubjekt und Repräsentant der Kultur als männlich vorgestellt wird und das Textobjekt als Hindernis, als Raum, als weiblich konnotierte Kontrastfolie unterlegt wird.

As he crosses the boundary and „penetrates“ the other space, the mythical subject is constructed as human being and as male; he is the active principle of culture, the establisher of distinction, the creator of difference. Female is what is not

130 Kolodny 1975, 149. 131 Schönberger 1998, 6. 132 Fisher 1992, 232.

susceptible to transformation, to life or death; she (it) is an element of plot-space, a topos, a resistance, matrix and matter.133

Diese Konstruktionen von Geschlechterdifferenzen lassen sich ansatzweise bis heute im Genre der nation as narration identifizieren. Für koloniale Texte veranschaulicht das folgende Zitat von McClintock dies auf eindringliche Weise:

As the European men crossed the dangerous thresholds of their known worlds, they ritualistically feminized borders and boundaries. Female figures were planted like fetishes at the ambiguous points of contact, at the borders and orifices of the contest zone. [...] In myriad ways, women served as mediating and threshold figures by means of which men oriented themselves in space, as agents of power and agents of knowledge134

Hier wird eine gewisse Flexibilität des mobilen, männlich gedachten Helden gegenüber der als weiblich imaginierten Statik und Örtlichkeit deutlich. Bei Bedarf wird also die „weibliche“ Grenze übertreten, werden die Regeln der Örtlichkeit missachtet und das zuvor als unbesetztes Territorium wahrgenommene Gebiet angeeignet. Im Zuge dieses Aneignungsprozesses und der Unterwerfung unter die Regeln des Helden ist, wie gezeigt, die Repräsentation der neu implantierten nationalen Werte, Grenzen, Mythen und Gesetze durch Monumente wiederum statischer Weiblichkeit ein gängiges Muster. Inwiefern nationale Mythen geschlechtsspezifisch markiert sind lässt sich am Beispiel des amerikanischen frontier-myth zeigen. Die Grenze als zu überwindendes Hindernis verkörperte das amerikanische Prinzip des ewigen Fortschreitens, des Eroberns und Zivilisierens des Landes dahinter, in diesem Fall des sogenannten Wilden Westens. Das Verschwinden dieser Grenze war für das amerikanische Selbstverständnis nur mit der Etablierung neuer zu erobernder Räume zu ertragen. Es gilt die Grenze ständig zu verschieben und neues Land zu penetrieren, da sich die amerikanische „Triebhaftigkeit“ nicht zügeln lasse.135 Schillernde Ikonen dieses amerikanischen Mythos sind der Pioneer und der Cowboy. 1903 wurde der Cowboy von Owen Wister als „arische Fantasiegestalt“ kreiert, um der (männlichen) Jugend als Vorbild zu dienen. „Der

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De Lauretis 1989, 43.

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McClintock, Anne. 1995. Imperial Leather. Race, Gender and Sexuality in the Colonial Contest. (New York, London: Routledge), 24.

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In der modernisierten Variante des nationalen Expansions-Mythos der USA kommt dem Astronauten eine ebenfalls wichtige Funktion zu. Vor dem Hintergrund des sogenannten kalten Krieges ist die Verbindung von technischer und „territorialer“ Eroberung durch die erste Mondlandung der USA, sowohl von inner- als auch internationaler Bedeutung.

Cowboy stellte die ‘natürliche Aristokratie’ dar, die in einem sozialdarwinistischen Ausleseprozess [...] übrig bleibt.“136

Der Cowboy

Die Entwicklung dieser Figur stand historisch im Zusammenhang mit dem noch zu erörternden eugenischen Diskurs und der, aufgrund der rückläufigen Geburtenrate von Weißen Frauen, weit verbreiteten Furcht vor dem „Rassenselbstmord“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Nach der Analyse von de Lauretis überwindet das Subjekt des Mythos die Grenze und penetriert den Raum dahinter. Strikt nach den Regeln des heteronormativen Sexualitätsdispositiv, wird der/die mythische HeldIn unabhängig von seinem/ihrem dargestellten Geschlecht stets männlich konnotiert und das Hindernis