8. Streitbarer Franc in Ulm und um Ulm herum 150
8.2.2 Der Konflikt 153
Den Ausgangspunkt der Debatte bildet ein von Franc verfasster Artikel, den er in der Zeitschrift ‚Miscellanea curiosa‘ veröffentlichte Bei dieser Zeitschrift handelt es sich um das Organ der Academia Imperialis Leopoldina Naturae Curiosorum (heute Leopoldina) Sie erscheint seit 1670 und gehört zu den weltweit ältesten und damals wichtigsten medizinisch-naturwissenschaftlichen Fachzeitschriften 24 In seinem Bei- trag schildert Franc den Fall einer Patientin, die, nachdem sie an einer Hernie erkrankt war, mit Quecksilber behandelt wurde Es handelt sich dabei um einen medizinischen Bericht, der die internale Verwendung von Quecksilber, insbesondere bei Hernien, kritisiert Die Kritik wird mithilfe eines anonymen Patientenbeispiels illustriert, in dem ein vorbehandelnder Arzt Quecksilber angewendet hatte Bei der Patientin führte die Therapie nicht zur Zurückbildung der Hernie, sondern das Quecksilber sammelte sich an der Stelle der Hernie und wirkte lokal als Gift Im weiteren Verlauf führte es
Holweger (2010), Urologische Kapitel, S 198 f ), Febris alba virginum (vgl Maier [2018], Dermato- logie, S 282 f ), aber auch rein fachliche Meinungsunterschiede, etwa in den Kapiteln Inflammatio renum (vgl Holweger (2010), Urologische Kapitel, S 133) und Mictus cruentus (vgl ebd , S 283 f ) 21 Franc (1686), Mercurius vivus
22 Der vollständige Name lautet ‚Miscellanea curiosa medico-physica Academiae Naturae Curio- sorum sive Ephemeridum medico-physicarum Germanicarum curiosarum‘
23 Franc (1688), Observationis medicae 24 Conforti (2015), Illustrating Pathologies, S 573
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zu einer perforierenden Nekrose der beteiligten Darmabschnitte, an deren Folgen die Patientin schließlich verstarb 25 In Francs ‚Ephemeris‘ findet sich exakt derselbe Fall mit dem Unterschied, dass die Patientin sowie die vor- und mitbehandelnden Ärzte bzw Chirurgen dort namentlich genannt werden 26 Laut der ‚Ephemeris‘ handelte es sich beim Vorbehandler um Johann Caspar Beutel (*unbekannt, †1700), einen älteren Ulmer Kollegen Francs 27
Als Antwort auf diesen publizierten Patientenfall erschien zur Verteidigung der Quecksilberbehandlung und insbesondere zur Verteidigung Beutels die Schrift ‚Epistola apologeticaʻ, ein 26-seitiges Schriftstück, das anonym verfasst und veröffent- licht wurde Die Schrift ist eine Ansammlung von Beleidigungen, die sich gegen Franc richten Er wird zum Beispiel als „Besserwisser und Egomane“,28 „unfähiger Tölpel“29 sowie „Lügner und Betrüger“30 bezeichnet, während Beutel als „Venerandum Senem“31 hochgelobt wird Der Autor kritisiert die Darstellung des Patientenfalls in der ‚Miscel- lanea curiosa‘ durch Franc, indem er sieben Aussagen aus Francs Artikel herausgreift und kommentiert Er fährt dann fort, Franc als inkompetenten und geldgierigen Arzt32 zu beschreiben, der nur vom Pöbel aufgesucht werde Dabei dienen Francs Herkunft33 und Physiognomie34 dem Autor als stigmatisierende Merkmale, um Francs Fähig- keiten in Frage zu stellen 35 Wie dem auch sei, die Aussage des Anonymus lautet zu-
25 Franc (1688), Observationis medicae, S 21: ex anhelitu fœdi odoris intestinum putrescere & animæ defectiones imminere suspicionem duxi (Aufgrund des stinkenden Geruches habe ich den Verdacht gehabt, dass der Darm vermodert ist und Zerstörungen des Geistes bevorstehen) Die Überset- zungen stammen von der Autorin Die Autorin arbeitet an einer Dissertation zu den Streitfällen, in der auch vollständige Übersetzungen der ‚Observationis medicae miscellaneis‘ und der ‚Epistola apologetica‘ abgedruckt werden
26 Vgl Fries (2018), Geschlechts- und Männerkrankheiten, S 348–349 Kapitel Hernia
27 Franc (1686), Mercurius vivus, S 20: vir, praxin medicam exercens antequam ego natus (ein Mann, der schon als Mediziner tätig war, bevor ich geboren wurde) Zu Beutel vgl Netzel (2013), Ulmer Stadtarzt, S 33, 48 f , 52 f , 60 f
28 Anonymus (1687), Epistola apologetica, S 4: scioli et philauti 29 Anonymus (1687), Epistola apologetica, S 5: ineptè Cucule.
30 Anonymus (1687), Epistola apologetica, S 7: mendacem et fallacem 31 Anonymus (1687), Epistola apologetica, S 4: zu verehrender Alter
32 Anonymus (1687), Epistola apologetica, S 16: infelicissime & inexpertissime Medicaster (ausge- sprochen unglückseliges und unerfahrenes Ärztlein); ebd , S 16: ex ambitione & avaritia venari qui- dem plures Clientes […] quæris ([…] aus Ehrgeiz und Gier gewiss vielen Kunden hinterherjagst) 33 Anonymus (1687), Epistola apologetica, S 9: à Parente tuo murario (von deinem Vater, der Maurer
ist)
34 Anonymus (1687), Epistola apologetica, S 20: corpore pygmæus, tergo gibbosus, pectore tumidus, col- lo incurvatus, capite deformis, facie defœdatus (vom Körper zwergenhaft, am Rücken bucklig, an der Brust aufgeblasen, am Hals gekrümmt, am Kopf unförmig, im Gesicht verunstaltet)
35 Franc selbst nimmt in den ‚Observationes‘ (S 59) dazu Stellung und schreibt vom Verfasser der Schmähschrift, dass dieser ein Mann von ansehnlicher Gestalt sei (illum speciosa forma virum), wäh- rend er selbst von der Natur eher stiefmütterlich behandelt worden sei (me Naturam heic novercam expertum) Ob es sich bei diesen Aussagen um Tatsachen oder Topoi handelt, muss offen bleiben Zur Problematik des Portrait Francs vgl oben bei Abb 1
Schmähschrift 155 sammenfassend: Nicht das von Beutel gegebene Quecksilber habe den Tod der Frau verursacht, sondern die bereits zu Behandlungsbeginn zu weit fortgeschrittene Herni- enerkrankung der Patientin, die kein Arzt mehr hätte heilen können
Anschließend bringt der Anonymus weitere Anschuldigungen gegen Franc vor: Er benennt acht Fälle, in denen Fehlbehandlungen durch Franc zum Tod von Patienten oder zur Notwendigkeit der Übernahme der Behandlung durch einen anderen Arzt geführt hätten Dabei verlässt der Autor der ‚Epistola‘ das Gebiet der Quecksilberan- wendungen und behandelt unterschiedlichste medizinische Themen von petechialem Fieber über ein Erysipel bis hin zum Fluor albus 36
Diesen öffentlichen Angriff auf seine Reputation konnte Franc nicht auf sich sitzen lassen Er antwortete mit einer im Jahr 1688 gedruckten 62-seitigen Schrift mit dem Titel ‚Observationis medicae miscellaneis‘ Dabei bezeichnet er die ‚Epistola apolo- getica‘ als ein ‚Libellus famosus‘, als eine „Schmähschrift“ 37 In seiner Antwort wurde auch Franc persönlich,38 jedoch ist sein Ton weit weniger beleidigend als derjenige in der ‚Epistola apologetica‘ Franc verteidigt sich nicht gegenüber dem Autor der ‚Epis- tola apologetica‘, sondern richtet sich direkt an den Leser,39 um bei diesem seine mög- licherweise angeschlagene Reputation wiederherzustellen Als Druckort wählte Franc nicht Ulm, sondern Nördlingen aus, höchstwahrscheinlich um dadurch einer Begut- achtung durch das Ulmer Collegium Medicum inklusive des vermuteten Autors der
‚Epistola apologetica‘ zu entgehen
In den ‚Observationis medicae miscellaneis‘ verteidigt Franc seine Ablehnung, rohes Quecksilber innerlich zu verabreichen, indem er verschiedene medizinische Autoritäten der damaligen Zeit, insbesondere Alchemisten und Iatrochemiker wie Paracelsus (*1493, †1541), Michael Sendivogius (*1566, †1636) oder Lazar Rivière (*1589, †1655) als Referenz heranzieht Franc klärt den Leser über die Nebenwirkun- gen des Stoffes auf und geht auch auf seine chemischen Eigenschaften ein Dabei bleibt er standhaft bei seiner Aussage, dass das Quecksilber nicht bei Hernien oder einem mechanischen Ileus verwendet werden sollte, erlaubt aber beispielsweise bei paraly- tischem Ileus oder kolikartigen Schmerzen die Anwendung des Metalls in einer zu Kügelchen verarbeiteten Form Um seine Aussagen zu untermauern, führt er unter anderem zwei eigene Beispiele an, in denen er zwei weitere Patienten, einen mit einer Hernie und einen mit Morbus hypochondriacus, erfolgreich behandelt habe 40
36 Anonymus (1687), Epistola apologetica, S 23–25
37 Franc (1688), Observationis medicae, S 5: Anonymi Schedam esse Libellum famosum demonstravero (Ich werde zeigen, dass die Schrift des Anonymus eine Schmähschrift ist)
38 Beispielsweise finden sich einige religiöse Anmerkungen wie diese: Christianus enim sum, non Atheus, qualem se esse prodit Sorex Anonymus. (Ich bin nämlich Christ und nicht Atheist, als was sich der Anonymus, diese Spitzmaus, erweist); Franc (1688), Observationis medicae, S 3 39 Franc (1688), Observationis medicae, S 3 und S 5: Lector benevolens
40 Franc (1688), Observationis medicae, S 33 f und S 47 f
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Im Anschluss wendet Franc sich den anderen Fallbeispielen zu, in denen ihm Kunstfehler vorgeworfen worden waren: Zwei der Fälle streitet er komplett ab und legt dar, dass er diese Patienten nicht behandelt habe; in den anderen Fällen rechtfer- tigt er sein Vorgehen oder berichtigt die Beschreibung der Umstände, unter welchen sich die Behandlung abgespielt habe Einige dieser Patienten finden sich auch in der
‚Ephemeris‘, was Francs Schilderung zwar nicht belegt, aber doch zumindest glaub- würdiger erscheinen lässt, da er sie vermutlich bereits zum Behandlungszeitpunkt und damit nicht als Rechtfertigung seiner Therapie in Hinblick auf die Schmähschrift in der ‚Ephemeris‘ notiert hatte
Dazu gehört zum einen der Fall eines 62-jährigen Metzgers, der unter einem Erysi- pel an der rechten Tibia und Fieber litt und den Franc laut dem Tagebuch zuerst allei- ne und dann in Zusammenarbeit mit dem Chirurgen Georg Riedlin behandelt hatte Franc selbst wandte zuerst zerstoßene Blätter von wildem Rettich an, um das Erysipel durch deren Schärfe zu heilen Zusätzlich ordnete er ein Pflaster mit Holundermus und Bleizucker an Dies half jedoch nach eigener Aussage nicht, weil der Patient „die schweißtreibenden Kräfte und die Wärme des Bettes ablehnte“41, woraufhin Franc Riedlin dazu rief Sowohl in der ‚Ephemeris‘, als auch in den ‚Observationis medicae miscellaneis‘ beteuert Franc, dass es sich bei dem Geschwür nicht um ein Gangrän handelte, und Riedlin das Bein mit einer Salbe vor der Amputation bewahren konnte Dabei stellt Franc den Sachverhalt so dar, als wäre er mit dem Chirurgen im Einver- ständnis gewesen, während die ‚Epistola apologetica‘ Riedlin als den Retter in der Not klassifizierte, der die Amputation gerade noch habe verhindern können 42 Auffällig ist hierbei, dass Franc den Fall tatsächlich genauso wiedergibt, wie er ihn in der ‚Epheme- ris‘ notiert hat, während in der ‚Epistola apologetica‘ kaum Details angegeben werden und auch der zeitliche Ablauf nur grob umrissen wird
Ein weiteres Beispiel, das hier ausgeführt werden soll, ist das eines etwa 60-jähri- gen Schiffers, der über Kopfschmerzen, Müdigkeit und Schwindel klagte und laut der
‚Ephemeris‘ einen Schlaganfall erlitten hatte Dementsprechend wird er von Franc auch behandelt Der Arzt verordnet Jalappenharz und Scammonium43 als Abführmittel sowie Brechweinstein,44 eine Behandlung, die der Anonymus wiederum als zu aggres- siv kritisierte Franc schreibt in beiden von ihm verfassten Texten, dass der Zustand des Patienten sich durch seine Therapie zunächst gebessert habe, bevor er ihn eines Nachts krampfend aufgefunden und ihm dann mit keinen Notfallmedikamenten mehr
41 Franc (1688), Observationis medicae, S 51: interna sudorifera & caliditatem lecti recusaret 42 Vgl Anonymus (1687), Epistola apologetica, S 23; Franc (1688), Observationis medicae, S 50 f ;
Maier (2018), Dermatologie, S 107
43 Dabei handelt es sich um getrockneten Milchsaft der Purgierwinde, welcher als drastisches Ab- führmittel verwendet wurde
44 In der ‚Ephemeris‘ findet sich eine ausführlichere und etwas andere Therapie des Patienten; StadtA Ulm, H Franc 8a, S 172–175 Daher ist nicht eindeutig klar, auf welches Therapieprinzip sich der Autor der ‚Epistola apologetica‘ bezieht
Schmähschrift 157 habe helfen können Der Verfasser der Schmähschrift besteht jedoch darauf, dass der Tod des Patienten nicht durch eine Krankheit, sondern durch die Behandlung Francs verursacht worden sei 45
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