„Contemporary Chinese migrants are no longer confined to closed enclaves such as Chinatowns or secluded mines and plantations. They constitute a global phenomenon of young male and female migrants who, affected by global capitalism and local structural changes migrate into diverse geographical locations.“95
Es ist wichtig ein Bild davon zu haben, was die chinesische Community in Wien ausmacht. Mit diesem häufig verwendeten Begriff werden damit meist, ohne zu differenzieren, alle Chines_innen, die sich in einer Stadt oder einem Land aufhalten, zusammengefasst. Die Verwendung von Überbegriffen wie die Chinesen oder die Chinesische Community, welche die Menschen nach Nationalitäten subsumieren und Geschlechterdifferenzen ausblenden, vereinfachen zwar die Bezeichnung von gewissen Gruppen, sie werden jedoch meist unreflektiert eingesetzt.96 Solche Begrifflichkeiten schließen beispielsweise auch Menschen mit ein, die in Österreich geboren wurden, sich nie in China aufgehalten haben oder sich selbst als Taiwanes_innen bezeichnen. Es erscheint wichtig, dass unter dem Begriff, auch in dieser Arbeit, aus Gründen der Einfachheit und des Verständnisses alle Auslandschines_innen zusammengefasst werden. Die von den Chines_innen oft selbst gewählten Begriffe wie
Huaqiao, Huaren oder Huayi (siehe Kapitel 1.1.) differenzieren diesbezüglich insofern, als
sie identifikatorische Bezugspunkte anzeigen; jedoch nur für Menschen, welche diese Begrifflichkeiten kennen. Wir haben bereits festgestellt, dass es sich um eine sehr heterogene
94 vgl. Wacquant 1991 nach Lindner 2004: 188; Wacquant 2003: 22 ff. 95 Thunø 2007: 23
Gruppe von Menschen handelt. Zudem gibt es viele Menschen, die sich von der Community distanzieren wollen oder sich nicht als Teil dieser betrachten. Außerdem gibt es nicht nur die Community unter den Auslandschines_innen, wie bereits bei der Diskussion des Community- Begriffs geklärt wurde (siehe Kapitel 1.1.1.).
Pieke schreibt, dass die einzelnen Gruppen wir Kantones_innen oder Zhejiang-Chines_innen oft mehr getrennt als vereint agieren. In diesem Zusammenhang macht er aufmerksam auf die transnationale Dimension dieser Communities.97
„They only interact – and sometimes, indeed, temporarily create what looks like a unified Chinese community – when required to do so by the political, economic or social environment.“98
Der Begriff chinesische Community wird zwar weiterhin verwendet, diese Differenzierungen sollen jedoch mitbedacht werden. Bei der Internetrecherche wurde rasch klar, dass es auch eine virtuelle Cyber-Community unter den in Österreich lebenden Chines_innen gibt, darüber hinaus existiert auch eine weltweit vernetzte, im transnationalen Raum agierende.99
Hierin liegt zwar ein weiteres spannendes Forschungsfeld, das in dieser Arbeit nur am Rande erwähnt werden kann, da dies den Rahmen einer Diplomarbeit sprengen würde.
Die Überseechines_innengemeinde ist, vor allem für Nicht-Chines_innen bzw. Menschen, die sich nicht damit auseinandersetzen, an sich unsichtbar. Die Community der Überseechines_innen ist von innen, sprich von den Chines_innen selbst, in Übereinkunft mit der VR China, definiert über die drei Säulen Medien, Schulen und Vereine. Wenn es diese Einrichtungen von Chines_innen an einem Ort in der Migration gibt, kann von einer Community gesprochen werden. Hong Liu macht in seinem Artikel darauf aufmerksam, dass diese three pillars of Chinese overseas societies lange Zeit ohne die Auswirkungen transnationaler Aktivitäten und der Globalisierung auf die überseechinesischen Organisationen untersucht wurden und räumt diesen einen wichtigen Stellenwert ein.100 Wie die vorhandenen Daten zu den Netzwerken der Auslandschines_innen zeigen, haben die Chines_innen in Wien über die Jahrzehnte diese drei Säulen aufgebaut.
Von außen, also von der Aufnahmegesellschaft, werden Communities meist definiert über die soziale Zugehörigkeit. Bei den Chines_innen in Wien werden diese sozialen bzw. kulturellen
97 vgl. Pieke 1998: 10 ff. 98 Pieke 1998: 12
99 Zu diesem Thema arbeitet u.a. momentan Carsten Schäfer; siehe auch Vertovec 2010: 48 ff. 100 vgl. Liu 1998: 582 ff.
Faktoren über die Herkunft, die Sprache und den sichtbaren Lebensstil wahrgenommen (siehe Kapitel 1.1.1.).
In Kanada hat der Begriff Community unter anderem eine wichtige Bedeutung in der aktiven Integrationspolitik durch Stadt- oder Nachbarschaftsentwicklung. Es entstehen Nachbarschaftszentren, Community-Einrichtungen wie Bibliotheken oder Kunstprojekte zur Förderung des Zusammenlebens bestimmter Gruppen, die sich örtlich, interessensbedingt oder gesellschaftlich zusammengehörig fühlen.101 Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe kann
demnach auch problemorientiert betrachtet werden.
Eine ethnische Community ist noch keine räumlich definierte Chinatown, sie wird jedoch gerade in dem besprochenen Raum dieser Forschung teilweise sichtbar.
Im Gegensatz zu Vancouver macht die chinesische Migrant_innengruppe in Wien bevölkerungsmäßig keinen so großen Anteil aus. Wie wir jedoch festgestellt haben und wie die ethnographischen Details zeigen werden, sind chinesische Kultur und Netzwerke in Wien und im untersuchten Viertel bis zu einem gewissen Grad sehr sichtbar. Doch will die chinesische Community in Form einer institutionalisierten Chinatown überhaupt sichtbar sein? Und warum wird der Begriff Chinatown in Wien bisher zwar diskutiert, aber abgelehnt? Es handelt sich um eine immens heterogene Gruppe. In dieser Arbeit wird die mögliche Chinatown Wiens als ein Teil der chinesischen Community angesehen. Sie erfüllt die unterschiedlichsten Funktionen für die einzelnen Akteur_innen, wie den Gesprächen zu entnehmen ist. Anhand welcher Kriterien der chinesisch geprägte Raum in Wien schließlich theoretisch positioniert und empirisch untersucht werden kann, wird im folgenden Kapitel erläutert.